Elisabeth Dauthendey - Märchen von heute

die Zweige des Tannenbaumes, und dann schüttete er einen ganzen Sack voll süßer Sachen über ihn hin, und zuletzt fiel ein goldenes Sternlein vom Himmel auf den Tannenbaum, und der strahlte nun in Gold und Silber wie ein Königskind. Der Haselstrauch sah voll Staunen hin. „Nun bist du schön," sagte der Engel. „Noc h aber kann ich alles wieder von dir nehmen und dich hier lassen im Walde. Wie willst du es? “ Willst du drei Tage lang ein Haus voll Menschen froh und glücklich machen? Du weißt aber, daß du dann sterben wirst.“ „Nimm mich mit -- nimm mich mit! Die Menschen brauchen Freude. Ich kenne ihren Kummer. Sie kommen immer her zum Walde, wenn ihnen das Herz schwer ist. Diese drei Tage geben ihnen Kraft für ein langes Jahr der Sorge und Plage.“ „Groß und klein wird dich lieben und unter de inen Zweigen jubeln. Groß und klein sind Kinder, frohe Kinder in diesen drei heiligen Tagen. So komm denn, und ich danke dir, daß du dies Opfer der Liebe bringen willst. “ Da hob das Tannenbäumchen seine Wurzelfüßlein aus dem weichen Waldboden und ging ganz langsam unter seinem schweren Schmucke zum goldenen Wagen hin. „Pst – pst!“ rief der Haselstrauch. „Der Herr Lehrer kommt. Macht Platz, macht Platz!“ Der Engel lächelte und schritt dem Lehrer entgegen und sah ihm ins Gesicht. Da wurde sein strenges Angesicht plötzlich hell und gütig, und er zog den Hut tief vor dem Engel der Liebe und lächelte zu dem strahlenden Tannenbaum hin. Den Haselstrauch sah er gar nicht an, den hatte er ganz vergessen.

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