Elisabeth Dauthendey - Märchen von heute

Haselstrauch und Weihnachtsbaum Du träums t wieder einmal,“ sagte der Haselstrauch und schaute ärgerlich zum Tannenbaum hinauf. „ Warum s oll ich nicht träumen?“ antwortete die Tanne. „Sieh, wie blau der Himmel ist, und die schwarzen Krähen hängen wie eine Perlenschnur oben im lichten Blau, und der weiße weiche Schnee, wie s anft liegt er dahingebreitet über Land und Berge!“ „A ch was!“ brummte der Ha sels trauch ärgerlich, „gu ck' nicht immer in den Himmel, auf der Erde ist es nötiger, Umschau zu halten. Sieh dort, wie der Jörg und der Hans und die Liese ihre Bücherranzen in den Schnee werfen, die neuen Ranzen, und wollen nun über den See gleiten, und der Herr Lehrer hat es doch verboten.“ „Laß sie doch gleiten, sie werden schon vorsichtig s ein.“ „ Ach, dir ist es freilich einerlei, was um dich her vorgeht, hast nicht für einen Pfennig Pädagogik in dir.“ „Was i s t das?“ fragte die Tanne, Der Haselstrauch stockte; das war eine schwierige Frage, und er wußte es selbst nicht, was dies schwere Wort eigentlich bedeutete, aber er hatte es vom Lehrer oft gehört, und so prunkte er mit diesem großen Worte. Er durfte aber nun dem Tannenbaum nicht zeigen, daß er selbst keine rechte Antwort wußte, und so s agte er wichtig: „Pädagogik ist, wenn der Herr Lehrer seine Ruten von meinen Ästen s chneidet.“ „Oh,“ s agte die Tanne, „bin ich froh, daß man mir meine Aste nicht abschneidet, noch dazu um Kinder damit zu s chlagen!“ „Du verstehst eben kein Opfer zu bringen zum Besten der Menschheit.“ „Meinst du?“ sagte der Tannenbaum leise. „Morgen ist Weihnacht. Da geht der Christengel umher und sucht sich die schönsten unter uns aus und nimmt uns mit in die Häuser der

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