Elisabeth Dauthendey - Märchen von heute
„ J a,“ sagte sie, und sie umarmten sich in reiner Freude und zogen aus, die Liebe zu suchen. Jahr um Jahr wanderten sie, und da sie reinen Sinnes waren und noch kein Böses taten, führte die Stimme Gottes in ihrem Herzen sie nach langem Wandern zum Tempel der Liebe hin. Da stand noch der goldene Thron. „Hier wohnt die Liebe!“ las man an seinen Stufen. Aber der Tempel war leer und verfallen. Ringsum war Dunkelheit und tiefe Stille. Die beiden fühlten Furcht und doch zugleich eine seltsame Freude in ihrem Herzen. Mensch und Tier und Baum und Quelle, umspannt, und sie Sie sanken auf die Knie vor dem Throne, und der Jüngling rief: „Liebe, du war st einst auf Erden. Wo bist du? Laß dich uns finden!“ Und das Mädchen rief: „O Liebe, süßes Glück gabst du einst den Menschen --- o, kehre wieder! Denn die Erde ist arm und leer geworden ohne dich.“ Da s prach eine dunkle Stimme: „Wer seid ihr, daß ihr es wagt, in den Tempel der Liebe zu dringen?“ „O, wir sind nur zwei arme Menschen. Die Stimme Gottes führte uns her. Wir suchen die Liebe, von der wir im uralten Buche gelesen haben, daß sie einst bei den Menschen war und sie gut und glück lich machte.“ „Seht eure Hände an!* sprach die Stimme. Und die beiden sahen, daß, ob sie selbst noch ohne Fehl und Böstum waren, die Sünden ihrer Väter und Vorväter an ihren Händen klebten, und sie erschraken und wußten kein Wort zu sagen. „Nur die reines Herzens und reiner Hände sind, werden die Liebe wiederfinden,“ s prach die dunkle Stimme. „Gehet heim und bauet euer Haus und lehret eure Kinder, bis der Menschen Samen wieder rein ist. Und eurer Kinder Kinder werden dann die Liebe wieder wandeln sehen und ihren göttlichen Segen fühlen.“
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