Elisabeth Dauthendey - Märchen von heute

Das schöne Märlein von der Liebe Als die Welt geschaffen war, war sie gar schön. Und die Heiligen im Himmel sahen das herrliche Werk und lobten Gott mit lautem Singen. Aber unten auf der Erde war es ganz still. Menschen und Tiere lebten sanft und friedlich nebeneinander, schliefen im Grase, tranken aus dem Bache und suchten sich im Feld und am Baum die Nahrung, die sie brauchten, und so lebten sie zufrieden ohne Leid und ohne Klage, aber auch ohne große Freude ihre Tage hin, denn sie waren ohne Stimme und konnten einander ihre Herzen nicht geben. Als nun die Stimmen der Heiligen laut und feierlich durch die Himmelssäle hallten, sagte ein lieblicher Engel, der zur Rechten am Throne Gottes s aß: „Warum singt die Erde nicht auch zu deinem Lobe?“ Da lächelte Gottvater und sa gte: „Du ha st recht, sie ist noch stumm. Aber wer wird aller Kreatur die Stimme wecken, die in ihrem Herzen ruht?“ Da leuchteten die Augen des Engels in herrlichem Glanze auf. „Will st du mich zu ihnen s enden?“ „ Ja, du allein kannst dies schöne Wunder vollbringen, da du die Liebe bist. Gehe hinab und rühre an die Herzen aller Kreatur. Was du berührst, wird glücklich sein, und das Glück wird sie froh machen, daß ihr stummer Mund plötzlich Worte und Lieder findet.“ Und der Herr winkte einer Wolkenfrau, daß sie die Liebe auf ihrem blauen Wagen hinunterbringe zu den Menschen. Als die Liebe nahe an der Erde war, strahlte der Himmel über der Erde plötzlich in so goldener Herrlichkeit, daß Menschen und Tiere die Augen aufhoben und sich verwundert anschauten und gar nicht wußten, was das bedeuten sollte. Und als dann der Engel aus dem blauen Wagen stieg und mitten unter sie zu ihnen trat und sie seine lichte Herrlichkeit erblickten, da erbebten Menschen und Tiere, Bäume und Blumen erzitterten vor Freude

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