Elisabeth Dauthendey - Märchen von heute

Vor der Himmelstür Eine arme Seele war am Ende des Lebensweges angelangt. „ Komm mit!* sagte der Todesengel, nahm sie sanft in seine Arme und stieg mit ihr die hohe silberne Leiter hinauf, die von der Erde zu den himmlischen Gärten führt. Die Seele fror ein wenig; denn es war dunkel und kalt umher, und sie schmiegte sich zitternd an das warme Herz des Engels. „Warte nur, bald s ind wir oben,“ s agte er, „und da ist es schön und warm und gar herrlich. Tausend Sonnen scheinen über den Gärten.“ „A c h, erzähle mir viel, viel, daß die Zeit vergeht!“ „Tau send Sonnen scheinen über den Gärten. Goldene Blumen singen heilige Lieder. Bunte Vögel schweben über den leuchtenden Wiesen. Und es ist keine Nacht, immer Tag und Licht.“ „Und die Seelen -- was tun sie? “ „Und es i st keine Nacht und immer Licht, und die guten Geister gehen umher und lehren die guten Seelen Gottes Weisheit verstehen, so daß sie selbst weis e und ihnen ähnlich werden.“ „ Aber die andern?“ fragte die Seele angstvoll. „Die andern S eelen meinst du, die dunklen, die nicht Gutes taten, da sie in den Tälern der Erde lebten? Die wohnen in ewiger Nacht, ohne F reude und ohne Licht.“ „Ohne Licht -- seufzte die Seele und schmiegte sich noch enger an das Herz des Engels. -- „Da s ind wir.“ Sie standen im Vorhof des heiligen Gartens. Vor dem hohen, rotgoldenen Tor hielt der Schwertengel Wacht. Der Todesengel führte die Seele zu ihm; diese neigte sich tief vor ihm und fragte leis e: „Läßt du mich ein?“

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