Elisabeth Dauthendey - Erotische Novellen

Bella erhob die Arme zur Höhe des Baumes, schaute mit sehnsüchtigen Blicken in sein Geäst – ich grüße dich, mein Baum – sagte sie mit leiser, sehnsüchtiger Stimme. Jetta ging ganz nahe zu ihrer Birke, legte beide weichen Arme um ihn, drückte das süße Madonnengesicht an seine feine Silberhaut und küßte ihn mit ihrem warmen, sanften Munde. Der große Franziskus würde diese Drei mit seinem tiefsten Segen gesegnet haben. Dann faßten sie sich bei den Händen und sangen einen leisen, stillen, heimlichen Sang, den sie sich selbst gedichtet; sangen und tanzten vor ihren Bäumen wie einst der fromme Tänzer vor seiner lieben Frau. So von dem Überschwang ihrer pochenden, aufblühenden Jugend entlastet, fanden sie sich wieder zur Wirklichkeit zurück. Eine sammelte Holz zum Feuer. Die andere holte die mitgebrachten Vorräte aus dem Kahn. Jetta stand verträumt an ihrer Birke und lauschte. Über ihrer reinen, hohen Stirn huschten flüchtige Schatten, die gleichsam wie der Flügelschlag ihres erwachenden Geistes waren, der sie überhauchte. Die andern ließen sie. Sie wußten es, daß sie immer etwas abseits blieb und nie rechtzeitig in den Rhythmus des praktischen Augenblicks einfallen konnte. Sie bereiteten sich ihr Mahl. Aßen, sangen und plauderten. – Und mittenhinein hörte man plötzlich das leise plätschern und Glucksen von nahendem Ruderschlag. – Was ist das – sagte Bella – was kann das sein? Sie waren noch nie gestört worden und erschraken. Sie sprangen auf und lauschten gespannt. Jetzt legte leise und vorsichtig ein Boot an. – Gut Freund – rief eine laute, helle Männerstimme – und mit drei, vier weiten Sätzen sprang der Rufende zu ihnen her. – Paul! riefen die Drei wie aus einem Munde und stürzten ihm entgegen. Mittwegs aber stockten ihre Schritte.

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